Kurtag 08

Was Herrn & Frau Meise auffällt: Während die meisten ihrer GesprächspartnerInnen direkt sagen können, was oder woran sie gerade arbeiten, brauchen viele mehrmaliges Nachfragen und längeres Nachdenken, um ihre kleinen Entspannungsmomente zu benennen. Einer von Meises GesprächspartnerInnen hat das so formuliert: »Erholungspausen gibt’s für mich eigentlich keine. Ich definiere mich sehr stark über die Arbeit.« — Das bestärkt die beiden darin, nach den Atempausen zu fragen; danach, wo die Menschen sich erholen; wie sie dafür sorgen, nicht zu überhitzen.

Mit zunehmender Dauer ihrer Erholungsreise finden Herr & Frau Meise auch gänzlich unerwartete Praktiken des Ku(h)rens. Heute zum Beispiel im Herumtollen mit einem drei und einem fünf Tage alten Kalb am Hof der Familie Müller in St. Gerold. Zunächst stupsten sie Frau Meise keck an und knabberten freundlich an Herrn Meises Cord-Knickerbocker herum – was alle Anwesenden zum Lachen brachte, weil Herr Meise leicht überfordert schien. Dann saugten sich die beiden Jungtiere an den Fingern fest. Danach waren die Meisen ganz begeistert über die reinigende Wirkung der rauen langen Zungen und der Weichheit der Finger nach dem Speichelbad.

Frau Meise fand dann, was Kühen schmeckt, kann Meisen auch nicht schaden und machte sich kurzerhand über die frisch gemähte Bergwiese her. Herrn Meise hatte es vor allem der würzige Löwenzahn angetan. In seiner leicht hypochondrischen Art verdächtigte er diese Kost allerdings später am Tag, für die erhöhte Methanproduktion in seinem Magen verantwortlich zu sein.

Auch dem heute herrschenden Dauerregen trotzten Herr & Frau Meise eine Unterbrechung ab. Sie verfielen auf die seit Erfindung des Regenschirms zu Unrecht etwas vernachlässigte Kulturtechnik des Unterstellens. Das Ausnutzen des Regenschattens eines Gebäudevorsprungs ist dabei nur ein Teil des Vergnügens. Dort verweilend gilt es dann nämlich – je nach Veranlagung – entweder mit optimistisch-sehnsüchtigem Blick den Himmel nach Lücken in der Wolkendecke abzusuchen oder mit Kennermiene eine Wetterprognose für die nächsten paar Stunden abzugeben. Das Vorstrecken der Hand aus dem Schutz hinaus in den herabfallenden Regen ergänzt diese Pause um eine schöne Geste und macht sensibel für unterschiedliche Regenqualitäten wie Tropfengröße und Falldichte.

Haben wir schon gesagt, dass es heute viel geregnet hat? — Herr Meise kann sich an einem verregneten Tag kaum etwas Schöneres vorstellen als ein Buch zu lesen. Weil das Walsertal mit untereinander gut vernetzten Bibliotheken versorgt ist, stand ein Besuch in der Blonser Dependance ganz oben auf der Liste der Meisen. Die bequemen, aus gediegenen Materialien gefertigten Sitzmöbel trugen nicht unerheblich zum Lektürevergnügen bei: Frau Meise griff zu einem Band über »Vögel« um genauer zu erfahren, was die KollegInnenn so treiben. Herr Meise wollte sich nicht nur der Muße hingeben, sondern auch darüber lesen. Der Untertitel des Buchs lautet: »Vom Glück des Nichtstuns«.

Herr & Frau Meise ist wohl bewusst, dass ihr intensives Kuren in Arbeit ausarten könnte. Dafür haben sie immer eine Antwort parat, sollten sie nach ihren liebsten Entspannungsmomenten gefragt werden. Das macht es freilich schwer, der Tatsache ins Auge zu sehen, dass ihnen nur mehr zwei Kurtage im Großen Walsertal bleiben.

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