Kurtag 10

Viele BewohnerInnen und BesucherInnen des Walsertals haben auf die Frage nach ihrem liebsten Alltagskurort eine Alm genannt: Ein deutsches Ehepaar, das seit 30 Jahren ins Tal kommt, empfahl die Fatnellaalpe bei Fontanella; Simone, die Geigerin, hätte Herrn & Frau Meise gern auf die Sentumalpe mitgenommen, wo sie sich beim gemeinsamen Musizieren mit anderen erholt; und Lisa schwärmte von der Oberpartnomalpe hoch über Sonntag.

Jeden wetterwackeligen Tag bangten Herr & Frau Meise um die Möglichkeit, vor dem Ende ihrer Kur noch in die Höhe zu steigen. Deshalb packten sie heute die sonnige Gelegenheit beim Schopf, fuhren mit der Seilbahn – wie in einem kleinen Nestchen weit außen an einem Ast leicht schwankend – von Sonntag nach Stein und wanderten bis zum kleinen Teich oberhalb der Breithornhütte. Frau Meise pflückte Preiselbeeren am Weg. Herwig, der Jäger, zeigte sich meisenfreundlich und lud, gemeinsam mit Elke und seiner Mutter zu je einem Gläschen Kräuterschnaps und Süßmost.

Die Meisen bedankten sich mit dem mitgebrachten Meisterwurz-Schnaps, denn Elke, die sich intensiv mit der Heilwirkung von Kräutern befasst, war gerade vom Stechen eben jener Wurzel zurückgekommen und erzählte, dass diese früher von den Hirten den ganzen Sommer über gekaut wurde, um das Immunsystem zu stärken. Man schreibt ihr unter anderem antibakterielle, beruhigende, schleimlösende und tonisierende Wirkung zu. Schon früh während ihrer Kur hatten Herr & Frau Meise außerdem erfahren, dass der aus ihr gewonnene Schnaps als erdend gilt, weil die Wurzel lange und tief in der Erde steckt. Bisweilen soll sie von WalserInnen gegen Heimweh auch an einer Kette um den Hals getragen worden sein. Die Meisen werden diese Kur in der Flasche jedenfalls aus dem Tal exportieren, wenn sie es jetzt nach ihrer Kur verlassen…

Sich vom Tal nach oben zu entfernen, das bedeutet für jene, die darauf schwören, eine Distanz herzustellen zu dem, was sie täglich umgibt und ihnen den Blick verstellt. Vieles wird ganz schnell durch diesen Abstand relativiert, gerade gerückt oder lässt sich aus der Entfernung besser betrachten. Herr & Frau Meise verstehen einerseits vollkommen, dass die WalserInnen diese Naherholung vor der Haustür intensiv nutzen. Andererseits fanden sie die Möglichkeit, sich noch einmal vom Berg aus im Tal zu orientieren, einen wunderbaren Abschluss ihrer zehntägigen Kur. Das Erzählen und Erzählungen-Hören – vor Ort und in diesem digitalen Kurtagebuch – war in Herrn & Frau Meises Fall auch ein Navigieren: eine Annäherung an die Menschen und eine Passage durch eine besondere Topografie.

Mit dem Ende der Kur wird nun auch die Karte nicht mehr weiter wachsen, die Herr & Frau Meise erstellt haben. Außer an einem Punkt: ein Bankerl ist vermerkt, zu dem es kein Bild gibt. Wenn jemand von euch dorthin kommt, dann denkt an die Meisen, fotografiert die Aussicht und schickt sie Herrn & Frau Meise zur Ergänzung der Karte!

Der Abschied vom Walsertal ist für Herrn & Frau Meise mit enormer Dankbarkeit verbunden. Denn diese Kur bedurfte vieler und deren großzügiger Unterstützung. Deshalb hier im Abspann ein herzlicher Dank an:

Dietmar Josef Nigsch, den Leiter des Walserherbst, der Herrn & Frau Meise viel Vertrauen für ein Projekt entgegen gebracht hat, von dem niemand wusste, wie es sich genau entwickeln würde.
Laura, Lisa, Heidi, Paula, Hannes und Dominik aus dem Festivalteam für die offenen Ohren und Herzen in den Begegnungen während der zehn Tage.
Martin und Stephanie von »die jungs kommunikation« für den unkomplizierten und professionellen Kontakt.

Conny Bickel, die weit über das Teilen von Erholungspraktiken hinaus die Meisen in ihrer alltäglichen Organisation unterstützt und auch auf diese Weise den Aufenthalt sehr angenehm gemacht hat.
Agnes Nachbaur für ihre tätige (Gast)Freundschaft, die bisweilen sogar die Mägen der Meisen gefüllt hat.

Allen, die es zugelassen haben, dass Herr & Frau Meise ihnen begegnen; die sich für die Suche nach Orten und Praktiken geöffnet und ihre persönlichen Geschichten mit den Meisen geteilt haben. Nicht zuletzt jenen, deren Hinweise und Gedanken keinen Eingang in die kleinen Berichte auf dieser Website gefunden haben.

Allen, die Herrn & Frau Meise auf den diversen digitalen Kanälen begleitet und ermutigt haben. Die Meisen freuen sich auch weiterhin jederzeit über Nachrichten von euch!

Es gäbe noch so viel zu erzählen, noch so viele Orte aufzusuchen. Die Meisen haben getan, was ihnen möglich war.

Den Abschied hat am trefflichsten gestern schon Pirmin aus Blons formuliert. Er meinte in seiner ruhigen Art: »Denkt an uns. Und wenn es nimmer geht, kommt einfach ins Walsertal.« In diesem Sinn: Auf Wiedersehen!

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